Die Sizilianische Connection

Kurzurlaub auf Sizilien, Januar 2012.

URLAUBITALIENSIZILIENREISEN

Elmar Matzeit

2/22/202610 min read

Aci Trezza, 15.01.2012

In einem kleinen sizilianischen Fischerdorf nahe Catania, am Fuße des Ätna. Ich sitze im Empfangsbereich meines Hotels, das ein Paradebeispiel für italienisches Denken in dieser Hinsicht scheint: aussen "hui" und innen eher "pfui".

Mehr Schein als Sein. Grande opera mit Schweissfüßen und Zahnruinen. Ruinen gibts hier auch. Wobei die Handwerker-Schlampereien im Zimmer (Riesen-Wasserfleck an der Badezimmerdecke,

der "Zimmersafe", der nur aus dem Holz-Einbaurahmen und der Bedienungsanleitung besteht) sowie die Zahnbürste

zur Morbidität der Umgebung beitragen. Italien im Winter und bei schlechtem Wetter ist in Teilen wohl ähnlich dürftig wie das Gleiche irgendwo in Deutschland.

Bar und Restaurant sind geschlossen, und der frisch angekommene Ferienreisende wird argwöhnisch von den Einheimischen beäugt, wenn er sich bei windig-unbeständigem Wetter nach draussen wagt - denn der gewöhnliche Italiener ist fast nie ohne Freunde oder Familie unterwegs. Ich hoffe jedenfalls wenigstens auf besseres Wetter - auch wenn ich den Verdacht hege, dass ich dem ständigen Meeresrauschen und dem Wind doch ganz südteutonisch Wald und Flussgeblubber vorziehe. Auch schon in Wales ging mir das nach einer Weile auf den Sack, dass nie wirklich mal Ruhe war. Diese eher nordeuropäischen Gedanken erklären vielleicht auch die Wertschätzung von klassischem Handwerk anstelle mediterraner Arschlecken-Improvisation.

Wirklich willkommen fühlte ich mich erstmal nicht wirklich - angesichts dessen, dass mir der Taxifahrer, der auf meine Frage "Quanto costa a Aci Trezza?" nur schulterzuckend meinte "Taxameter.". Und dieses zeigte nach den 25 Kilometern Fahrt erstaunliche 68 Euro an. Leider sind meine Sprachkenntnisse nicht ausreichend für eine entsprechend entrüstete Diskussion - daher hatte ich zähneknirschend diesen Wucher berappt. Benvenuto!

Beobachtungen:

1. Chuck Norris treibt auch im italienischen Fernsehen sein Unwesen.

2. Ich bin trotz meiner marginalen Italienischkenntnisse bei einer täglichen Quizshow immer wieder in der Lage, durch Zusammenreimen einige der Fragen zu beantworten. Ich bin stolz auf mich.

3. Trotz mangelnder stehender Gewässer und ständigen Windes scheint man nachts nicht vor den Annäherungsversuchen der gemeinen Stechmücke gefeit.

4. Der Wahl-Italiener Giorgio Cluni macht hier nicht nur für schlechten Kaffee Werbung. Und er gibt sogar vor, zwei Worte der Landessprache zu beherrschen. Eines davon ist "puoi" - ob er mit dieser Variante von Obamas "Yes, we can!" auf den Posten des italienischen Primus schielt?

5. Obwohl ich nur wenig verstehe, kriege ich die Dramatik des Schiffsunglücks der "Costa Concordia" mit - vor allem die Konversation zwischen dem Leiter der Küstenwache und dem Kapitän, dem offenbar energisch erklärt werden muss, dass er für seine Passagiere Verantwortung trägt und nicht einfach lustig davonrudern kann, wenn er feuchte Füße kriegt...

17.01.2012

Nach zwei Tagen voller Sturm und Regen (meinem neuen Billo-Tablet sei Dank habe ich ausreichend Lesestoff dabei - 600 Bücher, die auch für 40 Tage und 40 Nächte Sintflut ausreichend wären) wage ich mich für längere Zeit nach draußen und gehe die Strandpromenade entlang - vorbei an vom Zerfall gezeichneten Häusern und den Felsen, die das Wahrzeichen dieser Ecke Siziliens sind: den Isole dei Ciclopi.

Der Sage nach hat der olle Polyphem nach Odysseus' fragwürdiger Augen-OP (das erste Lasic?) vor Wut dem flüchtigen Griechen ein paar ordentliche Wacken hinterhergeschleudert. Und diese kucken heute noch recht malerisch aus dem Wasser. Betreten darf man sie jedoch nicht, obwohl auf einer der kleinen Inseln auch zwei Bauten zu erkennen sind.

Heute morgen hatte sich einer meiner Schnürsenkel meines zweiten Paars Schuhe verabschiedet - und mein Handy-Wörterbuch erklärt mir, dass ich nach "lacci per scarpe" fragen soll. Die Dame am Empfang verweist mich auf den lokalen kleinen Supermarkt - doch der kann mir nicht helfen und verweist mich auf einen kleinen Schuhladen um die Ecke. Dessen Besitzer erklärt mir mit Händen und Füßen (Englisch ist doch nicht ganz so verbreitet wie erhofft), dass er keine hat und ich wohl dafür nach Acireale müsse. Wie ich nach einem längeren Fußmarsch feststellen muss, ist das zu weit zum Laufen, und an der Autostrada fuhr in der ganzen Zeit auch kein Bus an mir vorbei - daher werde ich mich wohl mit dem einen Paar Schuhe begnügen müssen, bis ich in schnürsenkelfreundliche Gebiete vorstoße. Nadia, eine der Empfangsdamen, hatte mir zum Mittagessen die "Trattoria Verga" am Dorfplatz empfohlen, aber außer dem Gemüse ist nichts wirklich empfehlenswert: der gegrillte Fisch ist trocken, der Oktopus würde sich auch zum Abdichten von Fenstern und Türen eignen. Nach meiner Rückkehr frage ich Nadias Kollegen um Rat, der mir auf meine Frage, wo er denn mit seiner Familie hingehen würde, das Nachbarlokal der Trattoria, die "Trattoria da Federico", empfiehlt. Das steht am nächsten Tag auf dem Plan.

Beobachtungen:

1. Sizilianische Schnurris

sind bei weitem nicht so zutraulich wie ihre walisischen Verwandten. Ob das an der Fisch-Innereien-Diät liegt?

2. Das Verkehrsaufkommen auf Inselstrassen scheint im Vergleich zwischen der britischen Hauptinsel und Sizilien vergleichsweise ähnlich - trotz Tankstellenstreiks (!!!).

3. Der "Red Bull Flugtag" heisst auf Italienisch "Red Bull Flugtag".

4. Um die Mittagszeit versammeln sich anscheinend alle Männer des Dorfs (oder vielleicht nur die arbeitslosen 90 Prozent) in der Nähe des Dorfplatzes bei - klar! - der Kirche und bilden kleine Gruppen. Das wirkt schon etwas eigenartig auf Nicht-Insulaner. - Die Frauen hüten wohl die Kinder. Oder sie arbeiten. - Sobald die Männer mich jedoch mit fies leuchtenden Augen anzustarren, auf mich zu zeigen und seltsame Laute zu produzieren beginnen, werde ich eine Umbuchung meines Rückflugs in Erwägung ziehen.

18.01.2012

Es ist ganz schön stürmisch, aber die Sonne scheint. Und so kann ich mich - obwohl ich meine Serviette am Abflug hindern muss - mit dem klassisch italienisch/sizilianischen "Frühstück", Cappuccino mit einem cornetto, auf die Terrasse vor dem Hotel setzen. Wenigstens haben sie bei schönem Wetter das kleine, hotelzugehörige Café geöffnet, wo man auch das Frühstück kriegt. Kontinentales Frühstück ist jedoch Pustekuchen. Von Ferne schaue ich in Richtung Aci Castello, das seinen Namen vom dortigen auf einem vorgelagerten Felsen thronenden Normannenkastell erhielt.

Zu Fuß ist das locker zu machen, und so führt mich der Weg an der Promenade entlang... - bis diese einfach aufhört. Finito. - Kann man machen.

Der einzige Weg führt zurück und dann an der Autostrada entlang, was dem Ganzen den mediterranen Reiz ein wenig nimmt. Aber nach einer Viertelstunde kann ich wieder am Meer entlang laufen und schaue mir den kleinen Hafen, die Burgruine und den Dorfplatz an.

Nettes Fleckchen - ein Stück größer als Aci Trezza (das tatsächlich als Ortsteil von Aci Castello gilt). Nach einem kleinen Stadtrundgang und dem Rückweg kehre ich gegen 14 Uhr im "da Federico" ein,

und die Karte lockt mich mit cozze (Miesmuscheln! - Nicht das, wonach es auf Deutsch klingt!) und auf Holzkohle gegrilltem Oktopus (polpo alla carbonella, nicht zu verwechseln mit carbonara - auch wenn beides mit Kohle zu tun hat).

Beides ist vorzüglich, beim Tintenfisch lediglich ein Schuss Olivenöl und ein bisschen Knoblauch und Zitronensaft dabei, und er ist so zart, dass ich direkt erkenne, dass ich hier mein Lieblingsrestaurant gefunden habe. Was gibt es Besseres, als vor Ort die frischestens Meeresfrüchte und Fische zu kosten? Und bezahlbar ist das Ganze auch.

Besondere Vorkommnisse: habe heute Nachmittag/Abend die ersten beiden hübschen Frauen entdeckt. Beide haben sogar gelächelt. Seitdem verspüre ich ein leichtes Stechen im Rücken - welches sich glücklicherweise nicht als Messerattacke besorgter Familienmitglieder erweist.

Beobachtungen:

1. Italiener reden grundsätzlich immer - ausser, wenn sie schlafen. - Jüngere Frauen klingen dabei oft wie Schwalben auf Speed, rauchen und tragen zum langen Haar fast immer Schwarz. Die Männer vergleichbaren Alters haben dafür kurz geschorene Haare (Glatzengefahr? - Genetisch?) und Dreitagebart zu Jogginghosen - wohl, damit nicht so viel Verwechslungsgefahr zu befürchten ist.

2. An Laternenpfählen macht man hier mittels DIN-A4-Blättern nebst Foto Werbung für den Jahrestags-Gottesdienst im Gedenken verstorbener Verwandter.

19. und 20.01.2012

Langsam wird das Wetter wirklich angenehm, und entsprechend bessert sich meine Laune auch merklich. Ich sitze für gewöhnlich zum Frühstück draußen auf der Hotelterrasse, erkunde das Dorf, die kleinen Gassen

und den Hafen,

erfreue mich mittags an der leckeren Küche, lese ein wenig und schreibe ab und zu eine Mail in Richtung Germania, damit ich nicht allzu sehr das Gefühl habe, allein unterwegs zu sein.

Beobachtungen:

1. Die regionale Spezialität "Rigatoni alla Norma"

erweist sich als Pasta mit einer ordentlichen Schicht luftgetrocknetem, geräuchertem Ricotta in zarten Spänen sowie Tomatensugo mit gegrillten Auberginen und einem Hauch Knoblauch, wohingegen Schwertfisch-Involtini

an schmackhafte, mit Mozzarella und Tomatenstückchen gefüllte Fischfrikadellen gemahnen.

Fuck you, Fish Mac!

Das gewinnt alles definitiv keinen Designpreis, punktet dafür aber mit Frische, Qualität und - am wichtigsten - Geschmack.

2. Erstaunlich: auch ältere Herren am mittäglichen Nebentisch kennen scheinbar meinen musikalischen Lieblings-Italiener Caparezza. (Ausser, das Wort heisst in einem lokalen Dialekt was Anderes. "Weibliches Geschlechtsorgan", zum Beispiel. - Oder ist eine kulinarische Spezialität, wie etwa "Cozze alla Caparezza".)

22.01.2012

Am Tag vor meiner Abreise beschließe ich, noch für ein paar Stunden nach Catania zu schauen - trotz des immer noch andauernden Tankstellenstreiks, den ein offenbar aus dem Rheinland stammender Hotelgast mit Jean-Pütz-Gedenkschnauzbart ganz Urdeutsch mit dem Kraftausdruck "Scheiße!" kommentiert. Denn er kriegt offenbar keinen Diesel, mit dem er seinen fast zur Neige gefahrenen Mietwagen auftanken kann.

Ich begebe mich zur Bushaltestelle und komme mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch. Der Mann stammt aus der Gegend, kann aufgrund seines Geschäfts passabel Englisch - und er warnt mich vor Taschendieben in der Stadt. Nach einer halben Stunde kommt tatsächlich der Bus, und die halsbrecherische Fahrt führt mich schließlich ins Stadtzentrum. Ein Stadtplan hilft mir, ein paar der Sehenwürdigkeiten zu finden, wie den Park Villa Bellini

oder eines der Amphitheater.

An jeder Ecke der Stadt findet sich historische Architektur,

und mein leicht improvisierter Weg führt mich auf den Wochenmarkt, wo ich leider die Atmosphäre zwischen den lauthals im örtlichen Dialekt brüllenden Verkäufern, dem frischen Fisch, dem offen ausliegenden Fleisch, den Massen an Gemüsen nicht ganz so sehr genießen kann, denn ich achte darauf, meine Tasche mit dem Tablet und dem Fotoapparat nicht allzu verlockend wirken zu lassen. An jeder Ecke stehen Schwarze, die alle den selben Tand aus Gürteln, billigem Schmuck und Handtaschen anbieten. Nachdem ich mich ähnlich wie die Einheimischen relativ geradlinig durch die Menge bewege, werde ich auch selten angequatscht und mache auch keine Erfahrung mit der lokalen Kleinkriminalität. Nach dem Besuch der Kathedrale Catanias

(und einer kleinen Spende für eine Hutzeloma, die mich auf Sizilianisch vollbrabbelt und mir ihre Hand entgegenstreckt) mache ich mich auf den Rückweg zum Busbahnhof. Wirklich malerisch ist dieser nicht - vorbei an garagenähnlichen Straßenläden, die von Südostasiaten betrieben werden und dann widerum fast menschenleeren, heruntergekommenen Gassen (zugegeben - die Gegend um den Münchner Hauptbahnhof ist auch nicht gerade sexy) - aber nachdem ich einen übereifrigen Taxifahrer abgewimmelt habe (ich bezahle für die einfache Fahrt per Bus sage und schreibe EINEN EURO!), lasse ich mich vom Formel-Eins-erprobten Busfahrer wieder zu meinem Fischerdorf rasen. Dort angekommen, teste ich ein paar meiner neuen Brocken Italienisch, indem ich nach Sardinen frage - und nachdem die freundliche Dame mir erklärt, sie habe keine, folge ich ihrer Empfehlung und ordere stattdessen gegrillte Sardellen, die den selben Namen tragen wie das Mädchen im Wunderland und jene oft besungene Nachbarin, die dann doch irgendwie niemand kennt: "alice".

Ein überaus gelungener kulinarischer Abschluss.

Beobachtungen:

1. Die Einheimischen (!!!) essen hier manchmal gerne Pizza, die komplett mit Pommes belegt ist sowie eine andere Variante mit (Wiener oder Frankfurter) Würstchen. Die Globali- oder auch Teutonisierung hält überall gnadenlos Einzug! - "Pizza Hawaii" habe ich jedoch keine gesehen.

2. Die Gruppenbildung von (älteren) Männern beobachte ich auch in Catania. Dort stehen bis zu 20 Männer im Kreis, rauchen und diskutieren.

Mysteriöses Italien!

22.01.2012

Arrividerci-Tag. Ich wage heute das Experiment des Busfahrens erneut, nachdem Nadia zwar meint, der Streik sei eigentlich beendet, aber dennoch darauf hinweist, dass man fürs Busfahren in Italien sehr viel Zeit und Geduld mitbringen muss.

Doch meine Überraschung ist groß, als der Bus sogar überpünktlich ankommt und mich (vorbei an zwei Kilometer langen Autoschlangen vor den einzigen paar geöffneten Tankstellen) in Richtung Flughafen Fontanarossa befördert. Das Geheimnis ist wahrscheinlich, dass sie entweder zu früh oder gar nicht fahren.

Am Flughafen bin ich infolgedessen zwei Stunden zu früh - aber ich ergattere noch in der Ferne einen der seltenen Blicke auf den Ätna, ohne dass Wolken oder Nebel im Weg sind.

Auch freue ich mich darüber, dass ich noch zwei der lokalen Spezialitäten finde und kosten kann: Arancini (fritierte Reisbälle mit herzhafter Füllung, die dank einer Prise Safran ein wenig wie Orangen aussehen) und die berüchtigten Cannoli (mit Ricottacreme gefüllte Schmalzgebäckröllchen, die in "Der Pate 3" zum Tod eines älteren Herrn führten - was mich jedoch in meiner Neugier nicht abschreckt). Und eine herzhafte Salami sowie ein Stück des geräucherten Ricotta als Mitbringsel (neben ein paar der Mini-Cannoli als Probiererle für ein paar Freunde) sollen mich auch zuhause in Teutonien an die mediterranen Genüsse erinnern. In der Luft grüßt mich noch der Schlot des Ätna, und dann geht es nicht mehr gen Italien, sondern gen Heimat.