
Stinco e cozze - Balla in Bollo
Städtetrip nach Bologna, Januar 2020
ITALIENBOLOGNA2020STÄDTETRIP
Elmar Matzeit
2/27/202616 min read
TAG 1
Gut, wenn man ein wenig umsorgt wird.
Nachdem ich im Fugger-(„Motherfugger-“)Express von Augsburg nach München Platz genommen habe, ertönt aus dem Zuglautsprecher trocken die Ansage: "Achtung!" - Ich denke: „Na gut, meinetwegen.“ - Hoffentlich befinden sich keine Hysteriker an Bord, die sich sogleich von bombenwerfenden, messerschwingenden, turbantragenden, beschnauzbarten, linksgrünversifften, transsexuellen Flüchlingsmoslemafrikanern umringt und bedroht sehen. Doch nachdem jegliche weitere Erklärung oder Ausführung ausbleibt, handelte es sich offenbar nur um einen generell gut gemeinten Aufruf zu allgemeiner Vorsicht. Und dagegen lässt sich ja nun überhaupt nichts sagen. Bäume, Felder und Wiesen sind von Raureif bedeckt, an einem Teich entdecke ich sogar ein wenig Stegreif. Höhö. Der Himmel hat in der zögerlichen Morgensonne eine blümerante Tönung.
Der Motherfugger rauscht an einer Fabrik vorbei, auf deren Turm steht "Hasit - Natürlich besser bauen". Mümmelmannmehl eignet sich offenbar prima als Baustoff. Ob die auch überraschenderweise beim Gemahlenwerden Schmerz verspüren wir die kleinen Schweinchen beim Klöten… - lassen wir das! - Ich habe nur einen Starbucks-Espresso gefrühstückt, und da denke ich doch viel lieber an das, was mich in der kulinarischen Hauptstadt Italiens erwarten dürfte. Ich habe ein wenig recherchiert: "Mortadella" hat nix mit "della morte" zu tun, sondern entweder dem "mortaio" (Mörser) von der früheren Wurstteigherstellung oder der "Myrtenbeere" ("mirto"), die von den Bologneser Metzgern vor dem Einsatz von schwarzem Pfeffer verwendet wurde. Daraus machen übrigens die Sardinier auch einen ziemlich unleckeren Likör, der genauso heißt wie besagte Beere. "Tarantella" hat übrigens auch nix mit der ähnlich benannten Spinne zu tun, sondern mit dem Herkunftsort des Tanzes, Tarent in Apulien. Das weiß auch Caparezza, der auf meiner Dummofon-Playlist ein passendes Liedchen singt.
Aber es geht ja nicht nach Apulien – bei der Strecke würde sich mein Aufenthalt vermutlich auf eine Stunde verkürzen – sondern in die Emilia Romagna.
Der Umstieg in München erweist sich als unproblematisch, Massen von Urlaubsheimkehrern und optimistischen Skiurlaubern erbrechen sich in den EuroCity. Die Prophezeiung „Starke Auslastung“ war nicht übertrieben. Ab geht die Bahn!
Ein junges Paar Anfang 20 sitzt neben mir am Fenster und legt jene seltsame Mischung aus Arroganz und Pissyness an den Tag, der gelegentlich bei ihrer Generation anzutreffen ist. Sie ärgern sich, dass die Welt nicht ihnen gehört. Zumindest ein eigener Zugwaggon wäre doch echt nicht zu viel verlangt. SO nervig: andere Menschen... - Steve Vai stellt dazu in meinen Gehörgängen die Frage "Are you ready for the Here and Now?" - Ich antworte innerlich augenzwinkernd mit einem entschiedenen "Vielleicht.".
Nach und nach wird die Puderzuckerdecke ein wenig dichter, die vorbeiziehenden Ortschaften fachwerkeln um die Wette. Innsbruck hat die lokale Brauerei "Adambräu" offenbar noch nicht dem Zeitgeist gemäß entgendert. Der Zug mäandert gemächlich an steilen, von Alpengipfeln bekränzten Abhängen entlang, wo sich Fichten trotzig an Felsvorsprünge klammern. John Mayer singt "Free Falling", doch das erscheint im Moment nicht wirklich wünschenswert.
Das junge Paar kontert mit "Frühstück": "Golden Toast - Körner Harmonie", dazu "Deli Reform" ("Das Original"! - Schon meine Eltern waren auf diesen Bullshit mit Cholesterin und Margarine aka Industrieschmieröl reingefallen, und man scheint diese Nummer nicht mehr aus den Köpfen der Leute rauszukriegen.) und - voll veggie - "The Wonder Burger Schmelzscheiben". Mir wird so warm ums Herz, dass man die Scheiben Wunderbürger beinahe zerlaufen hören kann. Gekrönt wird dieser Reisepicknick-Hochgenuss von natürlich ebenfalls plastikverpackten und industrieveganen "Filet"-Scheibchen "Truthahn-Art", hauchdünn, sowie einem mysteriösen, über die ganze Bescherung gestreuten Pülverchen aus einem Schraubverschlussglas, das sich verdächtig streuwürzegleich in meine benachbarten Nüstern frisst. Und das, obwohl kurz zuvor die Landesgrenze zur mediterranen Kulinarik überquert wurde. Wenn man mir sowas in Bologna vorsetzt, gibt's eins auf die Omme ("la Omma", wie der Italiener sagt. Nicht.)! - John Mayer trällert dazu optimistisch "Good Love is on the Way". Und anstatt die Nase zu rümpfen oder die Stirne zu runzeln beschließe ich, mich seiner hoffnungsvollen Botschaft anzuschließen. Mal sehen, wie lange sie braucht, die olle Liebe.
Wir passieren Klausen am türkisfarbenen Etsch, der später zum Eisack wird - das Säbener Kloster thront verwegen über dem Transportweg von Nord nach Süd. Ein kleines Kirchlein nach dem anderen ragt an den Berghängen in die Höhe. Vielleicht ein ehemaliger Kirchenwettbewerb: Wer baut die höchstgelegene?
John Mayers Timing ist wie immer perfekt: auf die Sekunde pünktlich stimmt er - in meinen Gehörgang geschmiegt (oder "gesmôgen", wie der olle Walter von der Vögelweide mittelhochdeutsch trällern würde) - zum Zwischenhalt in Bozen/Bolzano "Somebody stop this Train" an. - Insgeheim bin ich froh, dass er mit "Free Fallin" Unrecht hatte.
Der Zug schlängelt sich geschwind zwischen Unmengen von Weinreben und Apfelbäumchen durch die Ebene südlich von Bozen, flankiert von schorfigen Kalksteinschrunden, die einen Eindruck davon vermitteln wie sich vor Urzeiten träge Gletscher durch die Berge pflügten. (Merke: in Italien heißt "MediaMarkt" ganz bescheiden - oder kosmopolitisch, ganz wie man mag - "MediaWorld".)
Etwa eineinhalb Stunden vor Bologna zieht sich die felserne Eskorte mit einem Mal zurück und weicht einer weitläufigen Ebene. Angesichts des enorm weitläufigen Schienenwirrwarrs des Veroneser Bahnhofs und dem sonst auch vom Zug aus eher industriell anmutenden Erscheinungsbild der Stadt vermutet man nicht unbedingt, hier Romeo und Julias Liebesnest zu finden. Bis nach Verona ist die rechte Seite in Fahrtrichtung die richtige Wahl, wenn man sich eher an der Aussicht als - wie die Sitznachbarin - an "Tetris" auf dem Handy erfreuen möchte. Dort kehrt sich dann die Fahrtrichtung um.
Die Abendsonne in Verbindung mit dem von den Feldern aufsteigenden Dunst verwandelt die Landschaft während der letzten halben Stunde in ein schememhaft-pastelliges Monokultur-Gemälde mit einzelnen Gehöft- und Kleinstadt-Sprenkeln. Ich stimme mich auf den letzten kilometri mit dem unterhaltsamen Rapper Caparezza ein, von dessen Texten ich zwar nur ein paar Brocken (broccoli?) verstehe, aber er bringt die Stimmung gut rüber.
Das „Mercure Bologna Centrale“ liegt, wie der Name schon sagt, am Hauptbahnhof.


Bei meiner Ankunft – und auch den ganzen frühen Abend noch – herrscht überall Gewusel. Die gesamte Bevölkerung scheint auf den Beinen und entweder gerade an- oder abzureisen – oder auf Einkaufsbummel zu sein. Mein Zimmer ist, ebenso wie das Hotel, schon ziemlich in die Jahre gekommen und – wenn man genau hinschaut – an vielen Stellen ziemlich abgerockt, aber angesichts der kurzfristigen Buchung und dem halbwegs günstigen Preis gibt es für mich nichts zu meckern.






Immerhin ist es sauber, man kann seine Hosen selbst bügeln und sich an jene Zeit erinnern, als Streaming noch "Mittelwelle" hieß.




Das Personal kann Englisch, und an der Rezeption erklärt man mir freundlich die Grundlagen meines Aufenthalts hier. Mein Konversations-Italienisch beschränkt sich trotz fleißigen Übens in den letzten Tagen auf wenige Basics - ich verstehe zwar manches, kann aber dann nicht wirklich etwas erwidern.
Ich beschließe, eines der Pubs der Stadt aufzusuchen – quasi „heimisches Terrain“ für mich. Egal, wo ich bislang war, ein Irish (oder zur Not auch ein anderes britisches) Pub hat in meinen Augen immer jene Zweites-Wohnzimmer-Qualität, dass ich mich auch in fremder Ferne ein wenig aufgehoben und „zuhause“ fühle.
In der Innenstadt angekommen, verweigere ich mich dem „English Empire“, wo man angesichts des Namens dieses Etablissements offenbar schon vor Jahren die Entwicklung des „Brexit“ vorhergesehen hatte (war Nostradamus etwa doch Italiener?) und suche stattdessen das „The Cluricaune“ auf, angeblich ein „Irish Pub“ und „Rock Pub“.


Der Laden ist sehr groß und seltsam in zwei Gasträume auf zwei Ebenen aufgeteilt, die jeweils von einer Bar bedient werden. In Ermangelung eines Frühstücks und Mittagessens bestelle ich mir eine Piadina „Spicy“ zum Kilkenny, die Zutaten sind an sich nicht übel (scharfe Salami mit Fontinakäse in einem dünnen Teigfladen, getoastet, dazu Fritten) – aber das gewinnt definitiv keinen kulinarischen Preis. Das hätte ich auch nicht erwartet. Der Laden ist nur schwach besucht, das Personal primär mit sich selbst beschäftigt – daher wechsle ich die Örtlichkeit und schlendere durch die noch immer enorm geschäftige und nach wie vor überall weihnachtlich geschmückte Altstadt Bolognas, wo man sich fast überall unter Bogengängen bewegt.


Mein Ziel ist das „Celtic Druid“, das bis auf den letzten (ausgenommen meinen – Hurra!) Platz voll ist. Man braucht keine Musik aus der Konserve, es ist allein durch die kommunikationsfreudigen Südländer so laut, dass man eh nichts von der Musik hören würde. Irgendwie scheinen die Italiener hier das „public house“ für sich entdeckt zu haben. Von jung bis alt ist alles vertreten, auch junge Familien mit kleinen Kindern, die überall herumwuseln.


Man erklärt mir, ich hätte die Wahl zwischen „Kilkenny Crema“ und „Kilkenny Strong“ - wobei ersteres nicht etwa „mit Sahne“, sondern die klassische Variante ist, und ich zweiteres noch nicht kenne. Es erweist sich dann im kleinen Probierglas als süßliches und leicht angefuseltes Bockbier. - Nicht meins!
Bevor ich den Weg nicht mehr ins Hotel finde, mache ich mich auf selbigen. Wie bei allen Städten mit mittelalterlichem Zentrum findet man sich auch in Bologna nicht unbedingt gut zurecht. Überall gibt es kleine Gassen und Passagen, und an einer Ecke lockt eine Schinkeria.


Doch nach einem Umweg, der mich am zentralen Busbahnhof vorbei führt, erreiche ich unbeschadet und unverirrt mein Domizil. Dort setze ich mich noch an die Bar und lasse mir von der jungen Frau dahinter ein paar Tipps in Sachen lecker Essen geben. Wie sich herausstellt, stammt sie ursprünglich aus Tunesien (wobei ich bei der Gelegenheit ein wenig mein Französisch entrosten kann), lebt aufgrund ihres Studiums der internationalen Rechtswissenschaften in Bologna (wo sich offenbar die besten Fakultäten Italiens befinden), kümmert sich noch nebenbei um ihren kleinen Sohn und will nach ihrem Abschluss zu einem weiteren Teil ihrer Familie nach Kanada. Beeindruckend, wie sie das alles meistert. Neben ihren Tipps frage ich sie noch nach dem Fico, dem großen Kulinarik-Zentrum außerhalb der Stadt, und sie meint, es sei durchaus empfehlenswert – und das Gute ist: der Bus fährt quasi direkt vor der Hoteltür ab. Ich bin gespannt.
TAG 2
Es ist recht frisch, als ich kurz nach neun Uhr das Hotel verlasse, aber es verspricht ein schöner Tag zu werden. Beim Erkunden der diversen Bushaltestellen am Bahnhof entdecke ich schließlich den Hinweis, wo der Zubringer zum Fico abfährt. Und der erste Bus steht auch schon da. Am Abend zuvor hatte ich online noch ein Hin-und-Zurück-Ticket gebucht, der Eintritt selbst ist kostenlos.
Die Busfahrerin (wie auch ihr Kollege bei der Rückfahrt später) fährt einen heißen Reifen. Die Passagiere keuchen einmal gesammelt auf, als sie merkt, dass sie die Gelbphase an einer Kreuzung nicht mehr schafft und eine noch halbwegs kontrollierte Vollbremsung hinlegt. Die Fahrt, die auch der Federung des Gefährts einiges abverlangt, dauert eine knappe halbe Stunde, so dass wir zehn Minuten vor Zehn an dem Komplex ankommen. Gleich isset aperto, ey!


Schon bei der Fahrt auf das Gelände erhält man einen Eindruck, womit man es zu tun hat. Und die Informationsschilder am Eingang verdeutlichen ebenso wie die Massen an Dreirädern, die zum Herumfahren einladen, die enorme Größe des Komplexes.




10 Hektar Fläche, davon 2 für den eigenen Obst- und Gemüseanbau, 40 Produktionsstätten (darunter unter anderem eine Brauerei, Eismanufaktur, Molkerei, Bäckerei) und 45 Restaurants. Und alles soll die Vielfalt der landwirtschaftlichen Regionen Italiens repräsentieren – obwohl das den Unmengen an kleineren Betrieben überall im Land, die sich hier nicht vorstellen können (sicher auch aus finanziellen Gründen), sicher nicht gerecht wird.


Natürlich werden auch diverse Touren auf Englisch und Italienisch angeboten, wo man die Herstellung und Veredelung von Lebensmitteln sehen und teils auch aktiv dabei mitmachen kann. Ich belasse es nach dem klassisch italienischen "Frühstück" bei einem ausgiebigen Rundgang (der "Stinco" riecht sicher leckerer als man vermuten dürfte!).








Nach zwei Stunden habe ich meine Einkaufstasche mit diversen Spezialitäten gefüllt: eine ligurische Limonade aus Chinotto-Bitterorangen, pikante Salsiccia, Pancetta (Speck) und Nduja (eine Art Mettwurst mit Peperoncini) vom kalabrischen Pata-Negra-Schweineverwandten, sardische Bottarga (getrockneter und gemahlener Meeräschenrogen – ein sehr spezieller Geschmack, aber zu guter Pasta in meinen Augen ein Genuss), zwei kleine Probiererle mit Schokotrüffeln als Mitbringsel, getrocknete Pilze und ein Panettone mit Feigen, Sultaninen und Mandelmus.


Und zum Abschluss meines Besuchs gönne ich mir noch ein Panino mit Mortadella – im „Figo“ wechseln sich offenbar die Mortadella-Produzenten der Stadt wöchentlich mit ihrem jeweils eigenen Wurstrezept ab. Witziges Konzept.


Die Mortadella dieser Woche schmeckt jedenfalls. Das Panino ist jedoch nicht der Knaller. Und ob Puristen angesichts des zusätzlichen Snack-Angebots nicht mit den Augen rollen, erfahre ich an jenem Vormittag nicht.


Nachdem der Barkühlschrank in meinem Zimmer nicht funktioniert, überreiche ich die Wurstwaren dem netten Herrn an der Rezeption, der sie bis zu meiner Abreise für mich im Kühlen parken wird.
Am Nachmittag beschließe ich, die Innenstadt umgekehrt als bisher zu erkunden und fahre mit dem Bus – die Fahrerin legt ähnliches Temperament an den Tag wie ihre Kollegen am Morgen – zum südlichen Bereich an der Porta San Mamolo. Überall sieht man Überreste der Stadtmauer, und hin und wieder sticht eines der größeren Bürgerhäuser durch wunderbar restaurierte Detailtreue aus der sonst herrschenden leichten Morbidität hervor. Mein Weg führt mich unter den üblichen Bogengängen hin zur Piazza Centrale und dem Neptunsbrunnen, dessen Begleiterinnen einem recht speziellen, aber vermutlich sehr nahrhaften Fetisch frönen. Aus Respekt vor den Damen habe ich auf Nahaufnahmen ihrer spritzenden Milchdrüsen verzichtet. #milktoo


Nähe zum Stadtzentrum bedeutet hier grundsätzlich Menschenmassen.


Ich weiß nicht, ob dies der Urlaubszeit geschuldet ist – ich merke nur, dass mich das ständige Gewusel ziemlich anstrengt und ich nicht wirklich entspannt unterwegs sein kann. Vielleicht ist mein persönlicher Groove auch zu „tedesco“, denn entweder schleicht jemand vor mir her – oder es wird von hinten, rechts oder links gedrängelt. Doch wenigstens wird auch hin und wieder durch sicher absolut authentische und regionale Handarbeit des Weltfriedens gedacht.


Außerdem erhält man, wenn man achtgibt, durch ein Gitter hindurch einen etwas versteckten Blick auf einen der wenigen noch erhaltenen und einsehbaren Kanäle der Stadt.


Als sich in einer der kleineren Straßen vor mir ein Stau mit entsprechend fleißigem Gehupe andeutet – schließlich weiß jeder Fachmensch, dass sich solche Blockaden deutlich schneller auflösen, wenn man seinen Unmut durch lautstarken Protest kundtut – weiche ich nach Osten aus und gelange auf eine Piazza, wo sich mir der Grund für das Verkehrsproblem präsentiert: ein großer Markt, auf dem alles außer Lebensmitteln angeboten wird.


Der Weg durch den großen, anliegenden Park führt mich unter Platanen hindurch über die Prunktreppe Scalinata Del Pincio wieder zum Hotel. Da mir angesichts des kargen Mittagessens der Magen knurrt, entscheide ich mich an einem gut besuchten kleinen Imbiss am Bahnhof für eine Aranciata, einen frittierten, mit ragù, Erbsen und Mozzarella gefüllten Reisball sowie einen mit kalabresischer Nduja gefüllten Brotfladen. Fast food. Aber nur fast. Die Unmengen an Restaurants und Trattorie, die man überall in der Stadt findet, unterscheiden sich fast überhaupt nicht, wenn es um die angebotenen Gerichte geht – überall gibt es Tortellini al Brodo oder al Ragù und ähnliche Pasta-Varianten. Und bei jedem schmeckt es laut eigener Aussage am authentischsten und besten. Tricky. - Bei meiner nächsten Reise werde ich da besser recherchieren, vielleicht über Slow Food oder sowas...
Abends schalte ich in die italienische Version von „Food Network“, wo ich mich sehr darüber amüsiere, was in der Italo-Variante von „Mein Lokal, dein Lokal“ so geboten ist.
Fazit: Drama ist fast immer an der Tagesordnung – und die Italiener scheinen sich sehr gerne über Essen auseinanderzusetzen. Und das durchaus kritisch. Wenn die deutschen Kollegen schon öfters mal zur Höchstnote greifen, ist hier oft die 7 von 10 das höchste der emozioni – und es hagelt auch fast immer mal eine 4. Denn man ist ja auf das Eigene stolz. Und der Andere macht fast immer irgendetwas absolut Essenzielles falsch.
TAG 3
Langsam weiß ich, was ich beim nächsten Mal auf einer kulinarischen Kurzreise nicht mehr möchte: sehr zentrums- oder eher bahnhofsnah wohnen. Denn kaum mache ich mich um halb Zehn erneut auf den Weg in Richtung Zentrum, strömen Hunderte von Menschen ebenfalls dorthin.


Bologna hat etwa 80.000 Einwohner mehr als Augsburg, aber so einen Trubel erlebt man dort höchstens vielleicht zur Zeit des Weihnachtsmarkts oder während der "Sommernächte".
Eine meiner Lieblings-Nebenstraßen, die Via Gugliemo Oberdan, führt mich zum Mercato dell‘Erbe, dem „Kräutermarkt“, der mir auch nahegelegt wurde. Ich hatte einen großen Freiluftmarkt erwartet, doch es handelt sich dabei lediglich um ein Gebäude, in dem zwei Metzger (einer für Pferdefleisch), eine Handvoll Obst- und Gemüsestände und ein paar kleine Restaurants untergebracht sind. Es hat den Anschein, als ob hier vornehmlich die älteren Einwohner der Stadt einkaufen, und es ist alles recht eng und intim, weswegen ich auch darauf verzichte, mit dem Handy wild herumzufotografieren.
Ein wenig ernüchtert stoße ich jedoch ein paar Straßen weiter auf das eigentliche kulinarische Viertel der Stadt, wo sich ein Lebensmittelgeschäft an das nächste reiht. Was ich tatsächlich bedauere, ist, dass die meisten Waren verderblich sind oder ich keine wirkliche Möglichkeit mehr habe, etwas bis nach Hause zu transportieren. Aber ich frage mich auch, ob es JEMALS eine Zeit gibt, wo man ein wenig Freiraum hat und sich nur wenige Leute zum Einkaufen einfinden. Man würde mich vermutlich erschlagen, wenn ich mir aus Neugier und mit meinen marginalen Sprachkenntnissen jedes zweite Ding in der Auslage erklären ließe. „Tod in Bologna“ statt in Venedig.
Mein Timing ist ideal: kurz, nachdem „Il Veliero“, ein mir empfohlenes Restaurant und Pizzeria, die Tür zum Mittagsgeschäft öffnet, setze ich mich zwischen diverse Modelle und Bilder alter Segelschiffe. Ich gönne mir die „Spaghetti Al Modo Mio“ (die Spaghetti nach meiner Art) mit einer Art grobem Walnusspesto mit Peperoncini und getrockneten Tomaten – und anschließend, dazu passend, Hähnchenbruststreifen mit Radicchio und Walnüssen.




Beides ist recht simpel, von guter Qualität und lecker, wenn auch keine Offenbarung. Die Pizza am Nebentisch hat Wagenradgröße, kommt aus dem Holzofen und sieht überaus lecker aus. Damn! - Noch am Abend bin ich so satt, dass ich auf einen Nachschlag verzichte – denn EIGENTLICH sollte das ja Entspannung und Genuss sein und nicht eine Hetzjagd von Restaurant zu Restaurant. Aber das Ganze war ja ein spontaner Kurzausflug und dient nun eben als Richtungsfindung und Testballon.
TAG 4
Während ich den Rest meines Reiseberichts tippe, läuft nebenbei die italienische Variante der Sendereihe „Kitchen Nightmares“ - von der schon der unsägliche „Restauranttester“ Rach zu klauen versuchte. Schade, dass ich nicht verstehe, was da alles diskutiert wird. Drama und große Gesten und Emotionen gehören hier zum Grundrezept. Man jammert, rechtfertigt, beschwichtigt und beschuldigt sich gegenseitig – um sich dann, nach ausgeschüttetem Herzen und ein wenig tough love heulend in den Armen zu liegen. Il grande drama, la grande commedia.
Dies beschreibt auch irgendwie meine Rückfahrt, denn zunächst wünsche ich mir am Bahnhof, ich hätte diesen Wegweiser früher gesehen, wäre ihm gefolgt und hätte womöglich ganz wundersame Dinge erlebt...


Und sodann vernehme ich auf dem Bahnsteig mit einem Ohr eine Ansage auf Italienisch, dass der EuroCity ausfällt und man sich an das Bahnhofspersonal wenden soll. Ein junger Mann in Uniform wird von mehreren Touris umringt, und ich geselle mich dazu. Offenbar spricht und versteht jeder besser Italienisch als ich, denn auf Englisch oder gar Deutsch wartet man sowohl bei der Lautsprecheransage als auch von besagtem Personal vergeblich. Aber wenigstens kann ich mir zusammenreimen, dass es wohl Busse geben soll, die die Passagiere aufnehmen. Wann und wohin diese dann fahren, ist nicht in Erfahrung zu bringen – nur, dass sie vor dem Bahnhof warten sollen.
„Vor dem Bahnhof“ heißt in dem Fall nicht DIREKT davor, sondern ein gutes Stück an der rechten Bahnhofsseite. Dort finden sich dann auch nach und nach gefühlt 200 Menschen ein, und zehn Minuten später hält auch tatsächlich ein Reisebus mit zwei älteren Herren darin. Auch hier ist Italiano gefragt, und wer nicht in den ersten beiden Reihen steht, hat Pech gehabt und erfährt vielleicht mit Glück, dass die beiden auch erstmal klären müssen, was das weitere Prozedere ist. Nach vielen Diskussionen schnappe ich auf, dass der Bus wohl der erste von vieren ist und glücklicherweise direkt „a Monaco“ fährt. Koffer werden gerollt, geschoben und in den Bauch des Busses gewuchtet, Menschen drängeln, diskutieren, rätseln herum auf Deutsch und Italienisch, Omi sitzt schon drin, und die Tochter versucht ihr noch die Tüte mit den Medikamenten zukommen zu lassen. Wie gesagt: Drama.
Dank meines leichten Reisegepäcks gelingt es mir, einen Platz ganz hinten im Bus zu sichern, jeder Platz wird besetzt, ein paar kleine Kinder machen vor lauter Stress die Sirene an – und kurz darauf setzt sich der Exodusbus in Bewegung. Bob Marley hätte seine wahre Freude gehabt.


John Lee Hooker kommentiert das Ganze für mich mit „One Whisky, one Bourbon, one Beer“ - und letzteres hätte ich bei dieser Aktion wohl besser einpacken sollen als das komplementäre Wasser aus dem defekten Zimmerkühlschrank.
Die Fahrt verläuft ohne größere Zwischenfälle – einem kleinen Jungen bekommt das Geschaukel des Fahrzeugs nicht so gut, aber glücklicherweise lässt es sich die Mischung aus Popcorn und Softdrink nicht noch einmal durch den Kopf gehen, und die vom Vater fürsorglich gereichte Papiertüte bleibt unbefleckt. Profumo di cozze wäre dieser Reiseerfahrung nicht unbedingt zuträglich gewesen.
Beim Pipi-Zwischenstopp kurz vor Trient habe ich erfreulicherweise noch Gelegenheit, an der Raststätte mein italienisches Lieblingsbier zu ergattern, was die Stimmung für einen Moment so sehr erhellt wie die Abendsonne die Dolomiten.


Nach Innsbruck geht es in zwei der üblichen Staus auf der A8 weiter, aber wir kommen dennoch nur eine Stunde nach der ursprünglich vorgesehenen Ankunftszeit in München an. Dort entdecke ich einen ICE, der kurz vor der Abfahrt steht, und der Zugbegleiter hat offenbar Mitleid mit meinem leicht gehetzten und erschöpften Erscheinungsbild und der Geschichte meiner Odyssee Light und lässt mich netterweise bis nach Augsburg auch ohne Aufschlag mitreisen. Ich werde es sicher nicht weitererzählen – versprochen!
KontaKt
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