Das ist die Berliner *hust* *hust* *hust*

Wochenende in Berlin, April 2014

STÄDTETRIPBERLINDEUTSCHLAND

Elmar Matzeit

2/27/202610 min read

Morgens um vier Uhr hat die Welt einen schalen Geruch nach kaltem Rauch und großporigem Bierdunst, der die seegangbehafteten Heimkehrer umnebelt - ofenfrisch duftende Brötchen und gerade aufgebrühter Kaffee scheinen Lichtjahre entfernt und einem anderen Universum zugehörig.

Glücklicherweise spuckt der Fahrkartenautomat das Flughafen-Tagesticket brav aus, als ich aus der Partymeilen-Straßenbahn N19 dem Odem der Untoten entkomme und dank ihrer frühmorgendlichen Verspätung zur S-Bahn haste. Es ist Samstag, vier Uhr - und mein Weg führt mich nach Berlin.

Im Augenblick scheint es sehr wahrscheinlich, dass die auch im Titel meiner kleinen Beobachtungen besungene Berliner Luft besser ist als das, was mir schon viel zu zeitig in die noch empfindliche Nase stieg.

Eine zierliche junge Frau mit französischem Akzent tanzt einen arhythmischen Walzer mit einer der Haltestangen der Bahn - ihre Brille verrutscht während ihres seltsam verschmusten Reigens, und ihre Worte folgen dem eigenwilligen Tempo, welches ihr Kapellmeister Caipirinha vorgibt. Sie wird von einem Mann angesprochen, der sich zu ihrem Glück nicht als Predator entpuppt, und so entgeht sie einem womöglich sehr unerfreulichen Erwachen durch einige unbeholfene Schritte hinaus auf den rettenden Bahnsteig von Daglfing. Der frühe Morgen war gnädig - auch wenn sie die Dissonanzen ihres Ringelreihns wohl in einigen Stunden schmerzlich zwischen ihren Ohren dröhnen spüren dürfte.

Wahrscheinlich dank der vom bajuwarischen Sonnenkönig Horst dem Allerletzten verordneten Energiewendenwende stehen am Flughafen einige der Rollbänder still ("Das liegt sicher an der geplanten Stromtrasse der Preißn!" - höre ich eine horstseidank imaginäre Stimme blöken.), wodurch man die gefühlten 2714 Kilometer bis zum Terminal per pedes zurücklegen darf.

Die Energiewende fordert ihr erstes Opfer - und man soll nicht behaupten, die lokale Lichtgestalt habe dies nicht schon immer prophezeit.

Fußlahm dort angekommen, wird der Landflüchtige von Horden von Reisenden erwartet, die wohl die anstehenden Flüge nach Olbia und Palermo gebucht zu haben scheinen.

Doch der findige Blick erkennt, dass Gate 18 auch von einem anderen Sicherheitsbereich bedient wird, wo der Tageszeit eher angemessene Menschenleere dafür sorgt, dass ich die halbe Stunde bis zum Check-In nicht in einer Horde von Südländern stehend sondern entspannt am Gate sitzend verbringen darf.

Beruhigend, dass die Pfadfinderkenntnisse nicht komplett verschütt gegangen sind.

Trotz der frühen Stunde vergeht die Zeit - haha, Wortspiel - WIE IM FLUGE, und die Kollegen von Air Berlin (kein wirkliches Zugeständnis an Patriotismus!) setzen mich und die anderen Reisenden unbeschadet auf der Rollbahn von Berlin-Tegel ab. Der Flughafen hat gegenüber München einen großen Vorteil: die Wege sind relativ kurz. Und nach einem erstaunlich freundlichen Zusammentreffen mit einem Vertreter der lokalen Tourismusbetreuung in Sachen Zweitagesticket trägt mich der Flughafenbus in Richtung Ringbahn (der S-Bahn, die den Berliner Innenstadtbereich kreis- oder eher ringförmig umschließt).

Meine Gastgeberin/Altenpflegerin/Fremdenführerin verabschiedet in Kürze ihre Tochter in ein Wochenende mit Papa - und so habe ich beschlossen, ein wenig Zeit totzuschlagen durch ein Minimalfrühstück und/oder einen Friseurbesuch (Maschinenschnitt: EUR 5,95 - Schafe scheren läuft halt im Akkord). Mein Zwischenziel ist die Haltestelle Frankfurter Allee, wo ich dem zweiten freundlichen Berliner (Was ist das nur mit dem schlechten Ruf? Hier wurde "Granteln" wenigstens nicht zur Königsdisziplin erhoben durch eine Aufnahme in den lokalen Wortschatz und eine Adelung als Teil des "Mia san mia!") begegne: einem Punker, der mir die Tür aufhält und mir nen schönen Tag wünscht. Ganz naiv trete ich dieser zugegebenermaßen nicht uncharmanten Form des Schnorrens jedoch nicht gegenüber und schmunzle in mich hinein - und lasse mich gleich im Anschluss von einem weiteren Höhepunkt an Hauptstadtkunst erfreuen.

(Schon in der Ringbahn waren mir malerisch an Häuserwände gesprayte metergroße "Peniz"e aufgefallen. Rechtzreibung? Penizneid?)

Es ist recht frisch, und nachdem in der Nähe die oft im Stadtbild vertretene Bäckerei "Steinecke" mit freien Sitzplätzen und warm-brotigem Duft lockt, lasse ich mich dort nieder und sehe Werbung für etwas, das in Bayern wohl "Karottl" heißen würde. So fern sind sich die Bazis und die Preißn wohl doch nicht.

Wieder in die kühle Morgenfrische gelangt und durch ein leckeres Käse-Speck-Brötchen nebst Milchkaffee gestärkt, entdecke ich schräg gegenüber an der Straße etwas, das mir für meinen Umzug nach Berlin ganz neue Karriereoptionen aufzeigt: wenn ich groß bin, will ich "Häufchenhelfer" werden. Scheiß auf Feuerwehrmann!

Die U-Bahn (in der ich mit dem Brandenburger Tor zu verschmelzen versuche) und die Tram tragen mich anschließend zu meiner Wochenendbegleiterin, die nebst dem nun abwesenden Töchterlein in einer WG in einem charmant-ruhigen Hinterhaus nahe der angesagten Friedrichshainer Partymeile in der Simon-Dach-Straße lebt und mir erfreulicherweise Gesellschaft leistet. Nachdem ich (eher zum Spaß und einem ersten Eindruck, was mich hier wohnungstechnisch erwarten könnte) zwei Wohnungsbesichtigungstermine in dem selben Wohnareal in Charlottenburg vereinbart habe, brechen wir schon bald wieder auf, und ich nehme die Eindrücke einer RICHTIGEN Weltstadt in mich auf. Glanz und (schlechte) Graffiti, Frischpoliertes und Heruntergeasseltes treffen aufeinander, bei vielen Passanten scheint die Bierflasche ein treuer Begleiter - ich habe zum Glück ja ein menschliches Wesen an meiner Seite.

Die Wohnanlage besteht aus mehreren gleichartigen Hausreihen, die zwar durch einiges Grün getrennt sind und auch keinen ungepflegten Eindruck hinterlassen - jedoch hat dies doch eher einen klassischen Siedlungscharakter und wenig vom Innenstadtcharme. Die erste Wohnung, präsentiert von einem Exilkolumbianer, der das Ding für einen Landsmann vertickt und uns prompt (aber nett!) Familienpläne unterstellt, ist sehr wertig eingerichtet (mit hochwertiger Küche und quasi neuem Mobiliar inklusive), hat einen angenehmen Schnitt (in Bezug auf eine zum Wohnzimmer hin offene Küche und ein paar nette Gimmicks) und einen kleinen Balkon - der jedoch ebensowenig nutzbar ist wie die Fenster zu öffnen sind, ohne dass die durchaus durchdringenden Geräusche der nahen Straße hereindringen. Der Makler kommentiert das Ganze damit, dass man ja schließlich immer irgendwie Gäste da habe, der Fernseher oder das Radio liefen - und da fiele das überhaupt nicht auf. Aber für meine neue Ehefrau und unsere vier Kinder (darauf einigen wir uns nach der Besichtigung) darf es schon ein ruhiger und nutzbarer Balkon sein. - Die andere Wohnung wird uns von einer Maklerin präsentiert, die schon telefonisch angedeutet hatte, dass sie dann wohl aufgrund des recht kurzfristigen Termins ihren Friseurbesuch würde sausen lassen müssen - was aber, so sind meine Frau und ich uns insgeheim einig, ihr Gesamtbild auch nicht mehr UNBEDINGT in die Top Ten von GNTM erhoben hätte. (Falls es diese Abkürzung für die Sendung noch nicht gibt, habe ich sie soeben erfunden!) - Diese Wohnung ist unrenoviert und zeichnet sich durch manche kaputte Fliese im Bad und eine fragwürdige Elektrik aus - aber sie ist wenigstens ruhiger. - Dennoch erfüllt der allgemeine Groove der Anlage nicht wirklich mein Herz mit Wärme, und wir begeben uns nach einem kurzen, nicht unbedingt herzlichen "Auf Wiedersehen!" wieder in die Obhut der BVG, dieses Mal per Bus. (Grüße an den Friseur!)

An der Umsteigehaltestelle werden wir Zeugen feinster Berliner Poesie: zwei junge Damen, die offenbar als Zimmermädchen arbeiten, haben wohl den Bus verpasst, und die Eine ledert in großartigstem Slang (Hello, Berliner Schnauze - there you are!) über den Bus, irgendwelche Typen, irgendwelche Begebenheiten sowie Gott und die Welt ab. Jeder zweite Ausdruck lautet entweder "beschissen, ey", "weeßte, Alter?" oder etwas Fäkalisches. Die Ohren gespitzt, biegen sich meine Mundwinkel nach oben - ich bin verliebt. - Aber natürlich noch (glücklich!) verheiratet. Insofern heißt es nun: ab zur Currywurst! (Den Döner hatte ich mir auch überlegt, aber es wird ja in Deutschland überall ganz in föderalistischer Tradition gestritten, wo wer das beste Was macht.) "Tripadvisor", ein Abkömmling des freundlichen Herrn Internet, hatte mich auf einen Laden aufmerksam gemacht, wo es die beste Currywurst Berlins geben sollte - und die Menschentraube davor scheint dies auch widerzuspiegeln.

Jedoch hätte mich das primär im amerikanischen Slang plappernde Publikum stutzig machen sollen: die Wurst ist okay, aber kein Knaller, die Soße zu süß... ich hätte vielleicht doch nicht die Bio-Variante nehmen sollen! - Meine Angetraute, stets liebevoll um mein Wohlergehen bemüht - und dies erfolgreich! - toleriert meine wurstige Fleischeslust, denn Tierisches ist nicht so wirklich ihre Tasse Tee. - Später stellt sich heraus, dass es nicht das "Curry 33", sondern das "Curry 66" war, wo man angeblich besonders lecker herumwursteln kann - und dieser Laden läge sogar in nächster Nähe unseres Friedrichshainer Hauptquartiers. In anderen Worten: auch Wurst!

Nachdem wir nun schon gefühlte 357611 Kilometer Fußmarsch hinter uns gebracht haben und durch diverse Stadtviertel getingelt sind, um mir noch mehr Eindrücke zu verschaffen (und auch ein Pub für ein nachmittägliches Getränk sowie einen Parkplatz für Hinterteil und dicke Füße - was an einer Fußballfaninvasion in sämtlichen ausgewählten Etablissements scheitert), beschließen wir die Rückkehr in Richtung des Domizils meiner Gastgeberin, die ihre reiseführerinnenhaften Fähigkeiten immer wieder aufs Neue bezaubernd zu präsentieren weiß: "Was ist das denn da drüben?" - "Eine Kirche." - "Und das da?" - "Ein Haus." - Ich bin begeistert. - Zumal auch ein Konzertplakat am Wegesrand erneut beweist, dass ich hier tatsächlich in einer Weltstadt zu Besuch bin und hier nur Weltstars von Rang und Namen gastieren.

Hungrig werden wir dadurch außerdem wieder.

In Friedrichshain angekommen, werde ich durch zwei Dinge schockiert: erstens hat jemand meine absolut umwerfende und einzigartige Geschäftsidee einer Brauereigaststätte schon vor Ort umgesetzt (und das auch noch erschreckend erfolgreich, wie es scheint - wobei das Bier zwar nicht der Knaller ist, aber doch nicht unlecker) - und zweitens wird in JEDER Kneipe, die ich auch nur als halbwegs spannend erachte, gequartzt. Nachdem nun ich schon seit fünfzehn Jahren und meine Münchner Stammgastronomie seit drei oder vier Jahren zu den ungeräucherten Spezies zählen, stößt mir dies doch sauer auf. - Wie kann man als Bürger Deutschlands in dem einen Bundesland gesundheitlich gefährdeter (und olfaktorisch belästigter) werden als in einem anderen? Ist Gesundheit nicht bundeslandgrenzüberschreitend? Ein menschliches Grundrecht? (Ich muss mal nachlesen - oder Herrn Goggel befragen. Oder den Gesundheitsminister verklagen, weil er offenbar seiner ersten Bundeshoheit nicht nachkommt.) - Jedenfalls beschließen wir den Abend mit einem kurzen Plausch auf dem Sofa bei einem Bier (respektive Rotwein), nachdem ich mich beim "Späti" (nein, das bayerische Äquivalent wäre nicht der "Spätl", denn die Erzkatholen verbieten Öffnungszeiten rund um die Uhr aus strikt religiösen Gründen) gegen das mir von meinem allerersten Berlin-Besuch noch gruselig in Erinnerung gebliebene "Pilsator" entschieden habe.

Schweren Herzens, denn damals hatte das nach wochenlang in Brackwasser eingeweichter Wellpappe schmeckende Ost-Gebräu 63 Pfennige gekostet - und meine Neugier treibt ja schon manchmal seltsame Blüten.

TAG 2

Am nächsten Morgen begrüßt uns zwar nach wie vor eine leichte Kühle, aber das Wetter scheint sich zu bessern im Gegensatz zum etwas grauen und nieseligen Vortag. - Nachdem wir noch nicht wirklich hungrig sind, soll uns der Bus zunächst ungefrühstückt erneut quer durch die Stadt tragen: mal in Richtung Süden, durch Neukölln und Kreuzberg... mit improvisiertem Ziel. Die Strecke durch Neukölln macht nicht wirklich Werbung für das Viertel - die Ecken, die wohl in Kürze "angesagt" sind, verbergen sich offenbar hinter anderen, eher assligen Ecken. Wir einigen uns auf eine Haltestelle in Kreuzberg - und landen tatsächlich an selbigem: dem Kreuzberg, der sich mit seinem Denkmal an die Völkerschlacht im gleichnamigen Stadtviertel erhebt.

Es ist erstaunlich wenig los um die Zeit (okay, es ist Sonntag und neun Uhr), der Aufstieg und die Aussicht sind jedoch recht schön für mitten in einer Viermillionenstadt. Auf dem Weg nach unten passieren wir einen Kleintierzoo, wo zwei Hähne - unbeachtet von mehreren Ziegen, die sich das Fell schrubben - Szenen aus der Weltpolitik nachstellen: "KröÄÄÄÄÄK!", kräht der Eine - "KwuääÄÄÄÄÄrk", antwortet der Andere. Und beide haben natürlich Recht. Manchmal kann die Welt so einfach sein.

Nachdem wir staunend zwei schätzungsweise 340 Meter hohe mobile Kräne bei der Errichtung eines Brückenteils beobachtet haben, steigen wir in einen Doppeldeckerbus, der uns entlang des berühmten, glattpolierten und irgendwie zu jeder x-beliebigen Großstadt passenden Kurfürstendamm nach Grunewald führt. Irgendwo, so hoffen mein trautes Weib und ich, wird auch etwas zu Frühstückendes unsere Aufmerksamkeit finden. Pustekuchen. - Grunewald erinnert lustigerweise an den Münchner Namensvetter Grünwald: neben der Botschaft von Burkina Faso (okay, das ist dichterische Freiheit, vermutlich) passieren wir eine repräsentative Villa neben der anderen. - Hier sind Moneten zuhause. - Doch nachdem uns der Mammon nicht wirklich zu beeindrucken vermag, lenken wir unseren Weg in Richtung Charlottenburg, wo wir unsere Hinterteile vor einem Irish Pub parken, welches uns schon am Vortag aufgefallen war. Es liegt direkt an einem ruhigen Platz, mit Lindenbäumen rundherum - und es weiß mich mit einem definitiv NICHT veganen Irischen Frühstück (BLUTWUASCHT!) und meine Begleiterin mit schmackhaftem Fish & Chips zu erfreuen. Und so lassen wir die Mittagszeit im Sonnenschein vergehen und sitzen einfach mal nur so da. - Wenn es am Schönsten ist, soll man ja bekanntlich... daher schlage ich auf dem Weg zum Flughafen noch einen Zwischenstopp am Schloss Charlottenburg vor, wo wir uns noch auf eine Bank im hiesigen Park drapieren. Ähnlichkeiten zu den bajuwarischen Nymphenburg und Schleißheim sind nicht zu verkennen, drei Berliner Hühner gackern um ein Baby herum und werden von einem ebenfalls anwesenden Mann ignoriert, Zitronenfalter tun leider nicht das, was ihr Name besagt (was sicher einer Schutzbrille und viel Übung bedarf), ein Specht macht Headbanging... und dann geht's ab zum Flieger.

(Dieser Beitrag ist meiner holden Ehefrau gewidmet - sowie unseren Kindern Eydu, Wegda, Zündi und Bort. - Danke für alles! - Auch für die unkomplizierte Scheidung direkt nach meiner Rückkehr.)